Was tun mit - Schokolade!

 

Schokolade ist Nervennahrung, Pausensnack und gerade zu den großen Festen, die unser Jahr prägen, nicht wegzudenken: Schoko-Nikoläuse und -Ostereier allenthalben! Über 9 Milliarden Tafeln Schokolade werden jedes Jahr in Deutschland gegessen (wenn man alle Eier, Häschen, Weihnachtsmänner und den Kakaoanteil in Pralinen, Keksen, Müsli etc. auf 100g-Tafeln umrechnet). Jeden Tag 25 Millionen.

Osterhase vor KongoUnd dabei sieht man in Deutschland, ja sogar in ganz Europa, keinen einzigen Kakaobaum in der Landschaft. Kakao wächst nur in den Tropen, wo es das ganze Jahr über warm und feucht ist. Mit Abstand am meisten Kakao wird in den Nachbarländern Cote d'Ivoire und Ghana geerntet (gut 50% der Weltproduktion 2009/2010).

Dort ist der Kakao aber auch nur eine Importpflanze bzw. eine Exportfrucht, die nicht auf dem Ernährungsplan der Westafrikaner steht. Von den Kolonialmächten zum Anbau dorthin gebracht, wird sie noch heute in Afrika, Indonesien und ihrem ursprünglichen Herkunftsgebiet Süd- und Mittelamerika angebaut. Die Exporte gehen dann nach Europa und Nordamerika.

In den 1970er Jahren galten Kakaobauern in Ghana als reiche Bauern. Heute ist Ihnen davon nur noch der Ruf geblieben, denn die Realität sieht seit langem anders aus. Zwischen 1976 und 1999 fiel der Kakaopreis von 3,50 auf knapp unter 1,- US-Dollar/kg, in 33 Jahren also um gut 70%. Um auszudrücken, was dies konkret bedeutet, muss man aber inflationsbereinigt rechnen: Im Jahr 2000 erhielten die Kakaobauern weniger als ein Achtel des Wertes von 1976 für ihre Bohnen. In den Jahren darauf stieg der Preis zwar wieder (auf momentan ca. 2,30 US-Dollar/kg), der Erlös liegt aber immer noch unter einem Drittel desjenigen von vor 36 Jahren.

Kakaobaum in GhanaDa muss es den Kakaobauern früher aber richtig gut gegangen sein!, könnte man meinen. Erzbischof Peter K. Sarpong aus Kumasi (*1933) beschreibt es anders: "Ich wurde auf einer Kakaofarm geboren. Meine Eltern waren Kakaobauern, die weder lesen noch schreiben konnten. Ich lebte mit meiner Familie, bis ich neuneinhalb Jahre alt war und zur Internats-Schule ging. Bis dahin gehörte ich mit zu denen, die in der Kakaopflanzung Unkraut jäteten, die Kakaobäume bearbeiteten, Kakaobohnen trockneten und die Ernte in den nächstgrößeren Ort zum Verkauf trugen – alles andere als leichte Arbeit: Wegstrecken voller drohender Schlangenbisse, Dornengestrüpp und Regengüsse. [...] 27 kg Kakao über drei Meilen auf dem Kopf zu tragen ist kein Vergnügen, aber wir hatten keine andere Wahl."

Damals wie heute zwingt der niedrige Preis die Kakaobauern dazu, ihre eigenen Kinder regelmäßig als vollwertige Arbeitskräfte in der Plantage einzusetzen. Doch selbst das ist seit vielen Jahren nicht mehr genug: Fremde Kinder und Jugendliche werden als billige Arbeitskräfte "angekauft" (sog. "Kindersklaven").

Kakaofrucht, geöffnetDie Lebenssituation dieser Kinder und Jugendlichen, aber auch die der erwachsenen Farmer, sind ein weithin bekannter Skandal. Ihre konkrete Situation ist in der Regel von Armut und Abhängigkeit geprägt. Zusätzlich führt der massive Einsatz von Pestiziden ohne ausreichenden Arbeitsschutz zu gesundheitlichen Problemen.

Das Phänomen der Kinder- und Zwangsarbeit auf Kakaoplantagen ist seit vielen Jahren bekannt. Nachdem eine Vereinbarung im Jahr 2001 zur Verbesserung der Lage (Harkin-Engel-Protokoll) keinerlei Wirkung zeigte, gibt es seit 2009 erneut Print- und Film-Berichte zu diesem Thema (Lese- und Filmtipps s.u.).

Pralinen - Genuss, Kunst, LuxusGerade dass wir mit Kakao und Schokolade Freude und Genuss verbinden, macht die Ungerechtigkeiten des Kakaoanbaus besonders inakzeptabel. In einem Fernsehbericht aus dem Jahr 2000 bringt es eines der ausgebeuteten Kinder auf einer Plantage in drastischen Worten auf den Punkt: "Wer Schokolade isst, isst mein Fleisch." – Die Situation zu ändern, würde bedeuten: fair zu handeln.

Tatsächlich gibt es ja einen sich entwickelnden fairen Handel von Kakao; in jedem Supermarkt finden wir heute "fair gehandelte" Schokolade. Allerdings haben die großen Produzenten (Mars, Nestlé, Ferrero u.a.) mit wenigen Ausnahmen keine fair gehandelten Produkte im Sortiment. Und auch in exquisiten Schoko-Läden (mit exquisiten Preisen) sucht man faire Schokolade vergeblich. Dem einzelnen bleiben also nur GEPA- und andere Fairtrade-Produkte als Alternative, die zwar qualitativ hochwertig, aber für den täglichen Verzehr recht teuer sind. Mancher, der den Film "Schmutzige Schokolade" gesehen hat, hat danach seinen Schokoladenkonsum auch gleich ganz eingestellt.

Der Anteil an fair gehandeltem Kakao beträgt in Deutschland unter 1%. Erstaunlicherweise liegt er in Großbritannien bei 30%. Es sieht also so aus, als wäre eine Veränderung möglich.    

Schokolade, fair gehandeltNeben der persönlichen Entscheidung am Einkaufsregal, die jeder Konsument selbst trifft und die natürlich eine Auswirkung hat, können großflächig nur verbindliche Absprachen zwischen Verbraucherverbänden und Industrie zu einer wirkungsvollen Veränderung der Situation führen. Südwind e.V. setzt sich daher dafür ein, Regierung, Industrie und Verbraucherverbände zusammen- und zu verbindlichen Absprachen zu bringen. Im März 2012 ist dies gelungen, wenn auch mit zaghafter Zielvorgabe (s. die Südwind-Pressemitteilung vom 29.3.2012).  Es liegt aber weiterhin am Schokoladen-Liebhaber, Änderungen zu fordern, zu beobachten und herbeizuführen.

"Für mich ist es aus Gründen der Gerechtigkeit an der Zeit, die Ausbeutung wirtschaftlich benachteiligter Weltregionen durch die industrialisierte Welt für deren Überfluss zu beenden." (Peter K. Sarpong)

 

Was kann ich also tun?

  • Informieren: Südwind-Studie lesen, Film ansehen (Links s.u.)
  • Probieren: das faire Sortiment meines Lebensmittelhändlers oder im Eine-Welt-Laden durchprobieren.
  • Anstoßen: im Schoko-Geschäft nach fairer Schokolade fragen.
  • Unterstützen: Südwind mit einer Rückmeldung zur Studie oder einer Spende unterstützen.
  • Verbreiten: Kinduku mit einer Rückmeldung oder einer Spende dabei unterstützen, das Thema in Workshops und durch Aktionen weiter bekannt zu machen.
  • [demnächst: - Genießen: Kinduku-Schokolade verschenken und selbst essen, wenn es demnächst eine gibt]

 

Info-Material und Quellen

  • Studien

Friedel Hütz-Adams, Die dunklen Seiten der Schokolade. Große Preisschwankungen – schlechte Arbeitsbedingungen der Kleinbauern, Aachen 2009. (Studie des Südwind e.V., als Download hier verfügbar)

Friedel Hütz-Adams, Ghana: Vom bitteren Kako zur süßen Schokolade. Der lange Weg von der Hand in den Mund, Siegburg 2011. (Studie des Südwind e.V., als Download hier verfügbar)

Friedel Hütz-Adams, Vom Kakaobaum bis zum Konsumenten. Die Wertschöpfungskette von Schokolade, Siegburg 2012. (Studie des Südwind e.V., als Download hier verfügbar)

  • Berichte

Michael Obert/Daniel Rosenthal (Fotos), Kinderschokolade, greenpeace.magazin 3.2009 (Titel des Heftes: Zart – aber bitter. Wie Kinder in Afrika für unsere Schokolade schuften), 62-75.

  • Filme

Jochen Taßler/Marianne Kaegi, Schuften für Schokolade, 3sat/nano 2010, Länge: 5'50'' (bei Youtube zu finden).

Miki Mistrati, Schmutzige Schokolade, Dokumentation, NDR und DR (Danish Broadcasting Corporation) 2010, Länge: 44' (bei Youtube zu finden).

 

Links

http://www.suedwind-institut.de/ (Genaueste Informationen und Hintergründe zu nachhaltigem Engagement)

www.schoko-seite.de (Informationsseite rund um Schokolade für Kinder)

www.kakaoverein.de (Daten und Statistiken)

 

Aktuelle Entwicklungen

Gründung des "Forums Nachhaltiger Kakao"

 

FAQ zu Kakao & Schokolade

Welchen Anteil am Preis einer Schokolade bekommt der Kakao-Farmer?

  • Vom Schokoladenpreis im Laden erhält der Kakao-Farmer nach bisheriger Berechnung 4%. Im fairen Handel ist der Anteil höher. Eine im Mai 2012 erschienene Studie des Südwind-Instituts nennt einen Kostenanteil von 6 Cent für den Kakao in einer "durchschnittlichen Tafel Vollmilchschokolade". Eine "Verbesserung der Situation in den Kakaogebieten [würde deshalb] nur zu sehr geringen Preiserhöhungen in der Produktionskette führen... Bei den derzeitigen Zertifizierungsansätzen liegt der Aufpreis für Schokolade aus nachhaltiger Produktion ... bei rund einem Cent pro Tafel“ (Friedel Hütz-Adams, Südwind-Institut).