Weltkirche als Anspruch

Diese Eigenschaft der Weltweite, die das Gottesvolk auszeichnet, ist Gabe des Herrn selbst.

Zweites Vatikanisches Konzil, Lumen Gentium

 

„’Das II. Vatikanische Konzil ist der erste amtliche Selbstvollzug der Kirche als Weltkirche’, faßte Karl Rahner die entscheidende Zäsur im Prozeß der Selbstverständigung der Kirche über ihr Weltkirchesein zur These; …  Der Eintritt ins ‚Zeitalter der Weltkirche’ bedeutet in erster Linie eben diese Öffnung der alten Einbahnstraßen, etwa der traditionellen Missionswege, für den Gegenverkehr, ‚so daß die einzelnen Kirchen aus dem Reichtum der anderen schöpfen’ (JohannesErzbischof Peter K. Sarpong nach einem Gottesdienst in St. Pauls, New Amakom/Kumasi, Ghana im Sommer 2002 Paul II., Christifideles laici, Nr. 35).  Gerade die zahlreichen Partnerschaften  und ein wachsendes Bewußtsein um den Wert weltkirchlicher Zusammengehörigkeit haben sicherlich zur Bereicherung der Gemeinden hierzulande beigetragen.  Mit Recht spricht man von der ‚Lerngemeinschaft’ Weltkirche, die nicht nur diese inspirierende und befruchtende Seite hat, sondern etwa auch relativierend wirkt, wo der eigene Tellerrand zum Darüberschauen zu hoch scheint. … Die 30 Jahre seit dem Eintritt in das ‚Zeitalter der Weltkirche’ sind eine kurze Zeit.  Das Wissen darum, daß es nur eine Weltkirche gibt und nicht zu ‚unserer’ Kirche auch noch die Kirche in Übersee gehört, daß Weltkirchesein nicht ein beliebiges, sondern ein ganz zentrales Charakteristikum unseres Kirchenverständnisses ist, läßt sich nicht quasi über Nacht mit Leben füllen.  Die Vielfalt der Weltkirche kann dabei durchaus auch etwas Bedrohliches, im negativen Sinn Befremdliches haben, das sich letztlich nur durch konkrete Begegnung mit Menschen aus der anderen Ortskirche, mit deren Glaubens- und Lebenspraxis abbauen läßt.

Der Blick aber aus der winterlichen Depression in der eigenen Kirche in den Frühling der Kirchen anderswo ermöglicht immer zwei Reaktionsweisen: die (gedankliche) Flucht in jene ‚wärmeren’ Gefilde zum einen.  Zum anderen aber kann aus dem Miterleben des Frühlings dort Vertrauen und Hoffen auf einen neuen Aufbruch auch hier genährt werden.  Das Wissen um die Solidarität der Geschwister im Glauben weltweit mag zu diesem Vertrauen überdies einige Energie freisetzen, um nicht nur zu ‚überwintern’, sondern aktiv auf den neuen Aufbruch hinzuarbeiten.“

 

Auszug aus:  Alexander Foitzik, Weltkirche als Anspruch, in: Herder-Korrespondenz 50 (1996) 541-543.