Weihnachten in Afrika ... - Cotonou (1999)

Advent 5. Weihnachten in Afrika ... Cotonou

 

 

 

Weihnachtsmarkt – hohe Stände unter Plastikplanen, gleißende Sonne, bunte Lametta-Girlanden, flimmernde Lichterketten, lauter (asiatisches?) Plastikspielzeug mit Elektrofunktionen, es dudelt und piepst, vielstimmig und abschreckend.

Auf der Verkehrsinsel, in der staubigen Luft des Harmattan, zwischen Abgasen, Autoschlangen und Mofataxis, steht ein großer Schneemann aus Plastik. An die Schaufensterscheiben sind Schneeflocken gesprüht. Nirgendwo riecht es nach Plätzchen, Bratäpfeln, Tannengrün... Ich bin erschrocken, wie schwer es mir fällt, in mir selbst adventliche Gefühle zu entdecken.

Mir fallen die afrikanischen Reisenden am Flughafen Düsseldorf ein, die wir vor Jahren im Dezember mit Tannenbäumen unter dem Arm am Schalter von Ghana Airways gesehen haben. Damals haben wir gelacht.

„Können wir auf dem Rückweg aus der Stadt einen Blick in die Kirche werfen?“ – Eine große, eher runde Hallenkirche, aus durchbrochenen Steinen gebaut, schön luftig im tropischen Klima und leer außerhalb der Gottesdienstzeiten. Apostel und Heilige mit langen Bärten, stechend blauen Augen und leuchtenden Pastellgewändern blicken von Sockeln und aus Bilderrahmen herab. Da, unter den Glitzergirlanden im vorderen rechten Seitenschiff, steht ein Krippenhäuschen mit Strohdach. Die Figuren sind aus dunklem Holz geschnitzt, mit afrikanischen Zügen, erholsam für meine Augen, vertraut seit dem ersten Missionsheftchen.

Sei gegrüßt, christliches Afrika! Ob die frühen Missionare, die die Krippentradition mitgebracht haben, damit ihr Heimweh stillen konnten – vielleicht nach geschnitzten Hirtenfiguren in elsässischen Bauerntrachten? Was passiert mit dem Glauben, wenn die dazugelernten Bilder, Geräusche, Gerüche, Gefühle nicht mehr dabei sind? Wie viele Jahre braucht es wohl, bis ich an einem anderen Ort das gleiche Geschehen in ganz anderem Gewand mitfeiern kann? (And how can we sing the Lord's song in a strange land?)

Christmette – minuit chrétien. Wir fahren, in Beleitung eines Neffen, mit dem Mofataxi zur Kirche. Die ist schon voll, wir sind spät dran, die Leute stehen und sitzen auf dem Platz vor der Kirche, Lautsprecher übertragen den Gottesdienst nach draußen. Französisch? Fon? Das weiß ich nicht mehr; ich bin sehr müde und weiß nur, dass es sehr lange dauert, dass wir schön anonym in der Menge sitzen, kein Aufhebens, keine besonderen musikalischen oder Predigt-Eindrücke, alle sind müde, die Übertragung ist schlecht, ab und zu verschwende ich einen Gedanken an Moskitos.

Der Neffe schreibt sich die Zulassungsnummer auf dem gelben Hemd des Mofataxi-Fahrers auf, als Garantie, dass er uns alleine heil nach Hause bringt. Fröhliche Weihnachten, sagt der. Am nächsten Tag essen wir Christstollen am Strand.

B. Strick